Wunder geschehen immer dann, wenn man sie am wenigsten erwartet. Mehr als zwei Monate suche ich nun erfolglos nach einem Nachfolger für meinen verendeten Audi 80, den Roten Blitz. Und gerade als ich die Hoffnung aufgeben will, jemals wieder mit einem Auto glücklich zu werden, kommt ausgerechnet die Person mit einer Idee um die Ecke, von der ich es am wenigsten erwartet hätte: meine Oma.
Gerührt von meiner verzweifelten Suche nach einem fahrbaren Untersatz, verspricht sie mir ihre Hilfe. Meine einsetzende Träumerei von einem neuen Sportwagen, konfrontiert sie allerdings schnell mit der Wirklichkeit: Ich soll ihren alten Mazda 323, Baujahr ´92, übernehmen. Meine Euphorie hält sich in Grenzen. Wenn ich mich richtig erinnere, ist der Mazda meiner Oma ein kleiner türkiser Blechkübel, der soviel Sportlichkeit besitzt wie ein Rentner, der Golf spielt. Schon bald werde ich eines besseres belehrt.
Weil ich nicht undankbar erschienen will, hole ich den Mazda zur Testfahrt ab. Die Realität und meine Erinnerung stimmen überein: der zweitürige 323 ist nicht nur klein und mit einigen Rostflecken übersät. Er macht auch den Eindruck, als könnte er einen Zusammenstoß mit der Mülltonne nicht überleben. Aber was soll’s – Augen zu und durch. Ich lasse den Motor an und schalte in den ersten Gang. Als ich Gas geben will, geschieht dann das Wunder. Der Mazda zieht mit solcher Power an, dass ich um ein Haar meine Oma über den Haufen fahre. Nachdem wir uns von dem Schreck erholt haben, rolle ich vom Hof. Zugegeben, mir ist etwas mulmig zu Mute.
Wenige Augenblicke später stehe ich an der ersten Ampel. Als sie auf Grün schaltet, gebe ich vorsichtig Gas. Der Motor heult, die Reifen quietschen und der Kleine zieht ab wie eine Rakete. Zum Glück fährt niemand vor mir. An der nächsten Ampel versuche ich mein Glück erneut. Dass der türkise Flitzer nicht unter Kontrolle zu kriegen ist, will ich nicht auf mir sitzen lassen. Grün. Ich gebe Gas, der Motor heult, die Reifen quietschen, der Mazda zieht ab. Die Leute an der Bushaltestelle verfolgen mich mit ihren Blicken.
Nach der fünften Ampel, sehe ich ein, dass ich den Mazda von Anfang an falsch eingeschätzt habe und lasse es mit der sanften Tour. Wenn der Kleine schnell fahren will, soll er eben schnell fahren. An der nächsten Kreuzung drücke ich das Gaspedal also voll durch, gehe schnell von der Kupplung und rase mal eben einem A8 davon. Kurz darauf holt er mich zwar ein, aber für ein paar Augenblicke war es die reine Genugtuung.
Die Testfahrt mit dem Mazda fängt an mir Spaß zumachen. Zur musikalischen Untermalung meiner Spritztour, drehe ich deshalb das Radio auf. Ohne Vorwarnung wummert es plötzlich aus den Boxen, so dass ich erneut Blicke auf mich ziehe. Der Kleine zieht nicht nur ab, er hat auch ein richtig gutes Soundsystem. Langsam frage ich mich doch, was meine Oma mit diesem Auto angestellt hat und stelle mir vor, wie sie mit ihren 80 Jahren über die Straßen heizt, während Snoop Dog mit voller Wucht aus den Boxen dröhnt.
Doch Soundsystem hin oder her, ich will wissen, was der Mazda bei höheren Geschwindigkeiten kann und fahre auf die Landstraße. Der Kleine beschleunigt schnell, liegt sicher in den Kurven und lässt sich noch immer geschmeidig steuern. Erst ab 110 wird es dann langsam ungemütlich. Der Motor wird unerträglich laut und das ganze Auto vibriert so stark, dass ich befürchte, dass es gleich in seine Einzelteile zerfällt. Also, schnell runter von der Landstraße und zurück auf den Hof meiner Oma. Auf dem Rückweg, mache ich mir ernsthaft Gedanken: Könnte er es sein? Der türkise Donnervogel?
Eigentlich hat der Mazda alles, was ich mir wünsche: er ist spritzig und günstig im Unterhalt, er verzichtet auf reparaturanfälligen Schnickschnack und seine Innenausstattung mit dunklen Armaturen und Bezügen ist angenehm schlicht. Einziges Manko: Er ist nicht so robust wie der Audi und hohe Geschwindigkeiten bringen ihn ordentlich ins Wanken. Ich bin immer noch unentschlossen, als ich auf den Hof meiner Oma biege.
„Und, wie war’s?“ will sie sofort von mir wissen. Ohne meine Antwort abzuwarten, schießt sie hinterher: „Der ist spritzig, oder? Mit dem kann man schon den ein oder anderen Porsche abhängen.“ Also doch. Ich muss lachen, als sich das Bild meiner rasenden Oma verfestigt und nehme ihr Angebot, den Kleinen zu adoptieren, an – zumindest bis ich genug Geld zusammengekratzt habe, um den Audi in die Werkstatt zu bringen...
Johanna Zimmermann
