Nacktes Blech unter freiem Himmel
Pures Autofahren ist heutzutage praktisch gar nicht mehr möglich. Es sei denn, man fährt ein Fahrzeug älteren Semesters. Zum Beispiel einen Renault Sport Spider. 1995 als ultimatives Rennfahrzeug mit dem Komfortfaktor Null entwickelt, ist er heute ein Unikat der besonderen Art.
Denjenigen Zeitgenossen, denen ein "Clio Williams" nicht extrem genug war, bot Renault Mitte der Neunziger ein Fahrzeug mit extremem Kultfaktor an: einen Spider mit Mittelmotor, Rennfahrwerk und Leichtbauweise à la Lotus. Puristen und Rennsportfans waren gleichermaßen begeistert und sind es heute noch. Denn der zweisitzige Roadster ist immer noch ein Hingucker. Vor allem wenn er in dem unverwechselbaren Gelb-Orange lackiert ist.
Eine Ausfahrt ist jedoch nur noch ganz selten möglich. Als Renault für mein-youngtimer.de seine RS-Modelle von Twingo bis Mégane präsentierte, durfte der Spider nicht fehlen, denn er ist der Urvater dieser Modellreihe, die sich mit Leib und Seele der Sportlichkeit verschrieben hat.
Türgriff Fehlanzeige. Die Tür des Spider ist nur von innen zu entriegeln. Der Einstieg ist reichlich bequem und die Recaros wunderbar hart. Interieur? Fehlanzeige. Nacktes Alu, drei Rundinstrumente, die über Drehzahl, Öldruck und Wassertemperatur informieren. Der Schaltknüppel wird von einem Golfball-ähnlichem Knubbel geziert. Der Motor laut und durchdringend, ähnlich wie das Fahrgefühl. Brutal hart gefedert, giert der Spider nach Kurven und liegt dabei wie das berühmte Brett.
Was also passt besser als die Eifel mit ihrem berühmten Nürburgring, um sich ungestüm die Luft um die Nase wehen zu lassen? Herrliche Landstraßen in der wildromantischen Landschaft sind das ideale Terrain für den Spider, den es nur offen gibt. Verdeck Fehlanzeige. Einzig kleine Dreiecksfenster und die mächtige Scheibe (nur gegen Aufpreis, Serie ist ein flacher Windabweiser), die von einem Einarmwischer vom Nass befreit wird, schützen ein wenig von den Unbillen der Natur.
Mit seiner futuristische Kunststoffkarosserie die mit Ausnahme der nach oben schwenkenden Flügeltüren aus gerade drei Teilen besteht, erregt er selbst am Nürburgring gehörige Aufmerksamkeit. Es wird fleißig fotografiert und nach Details gefragt.
Bitteschön: Für den Unterbau des Renault Sport Spider kommt ein Gitterrohr-Chassis aus Aluminium zum Einsatz, das im Innenraum für jeden sichtbar ist. Die Ausstattung beschränkt sich auf das Allernötigste. Einzige Ausnahme: Die beiden rennmäßigen Schalensitze sind für die optimale Arbeitsposition in Länge und Neigung verstellbar, und die Pedalerie lässt sich um acht Zentimeter variieren. Das bringt wichtige Zehntelsekunden auf der Rennstrecke, dem eigentlichen Terrain des Spider Renault Sport.
Fahrwerk mit Monoposto-Qualitäten
1-a-Rennsporttechnik bietet das Fahrwerk des Spider mit doppelten Dreiecksquerlenkern an der Vorderachse sowie jeweils einem Dreiecksquerlenker und einem Dreieckslängslenker hinten. Wie bei einem Formel-Wagen liegen die vorderen Federbeine horizontal und quer zur Fahrtrichtung, während die hinteren Feder-/Stoßdämpfereinheiten vertikal und in Fahrzeuglängsrichtung eingebaut sind. An beiden Achsen verringern groß dimensionierte Querstabilisatoren die Seitenneigung. Sonderklasse sind die vier Bremsscheiben aus der Alpine A 610 Turbo mit jeweils 30 Zentimeter Durchmesser.
Als Triebwerk kommt der überarbeitete 2-Liter-Vierzylinder des Clio Williams zum Einsatz. Das 108 kW (147 PS) starke Leichtmetallaggregat ist mit einem kurz übersetzten 5-Gang-Getriebe gekoppelt und treibt den nur 930 Kilogramm schweren Spider Renault Sport bei Bedarf in 6,9 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Als Höchstgeschwindigkeit sind 215 km/h möglich.
Noch Fragen? Zwei Antworten sind noch von Nöten: Der Renault Sport Spider fuhr in einer eigenen Renn-Serie im Vorfeld der Formel 1 ein Rahmenrennen. Und nein, es steht bei Renault keiner zum Verkauf. Wer den Spaßfaktor selbst erleben will, muss sich auf die Suche nach raren Gebraucht-Exemplaren machen. Angeblich sind noch rund 400 Stück in Deutschland zugelassen.
Dietmar Stanka