Daten

Name: Volvo 850 Kombi
Hubraum:
2435 ccm
Motorisierung:
V4 144 PS
Drehmoment:
206 Nm
0-100:
11s
Spitze:
200 km/h
Verbrauch:
9,5 Liter/100km/h
Schaltung:
4-Gang Automatik
LxBxH: 
4709x1461x1415mm
Gewicht:
1423 kg

Preis des gecheckten Wagens: 1.490,- Euro

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Gecheckt: Volvo 850 Kombi 

Man skall inte köpa grisen i säcken*

Walldorf, Nordbaden, im Traumsommer 2011. Ich biege von der A5 aus Norden kommend Richtung SAP-Headquarter ab. Doch nicht das Software-Imperium ist mein Ziel, sondern ein Autohändler im dortigen Gewerbegebiet. Ein Volvo 850 Kombi Baujahr 94 (Modell 95) steht dort: Grün, Automatik, Hängerkupplung, Euro 2, 193.000 KM auf der Uhr und „´TÜV` über den man noch reden müsse“, wie der Händler sagte, wie auch über den Preis. Ich lasse mich auf das Abenteuer ein.

Bei der Ankunft auf dem Hof droht der Himmel schon mit weiterem Regen. Beim ersten Rundgang um den Volvo wird klar: Auch in Skandinavien können Autos in Würde altern. Die hinteren Stoßfänger mussten schon bei vielen Einparkmanövern auf dem IKEA-Parkplatz herhalten, die Fahrertür wurde mal ausgebessert, und nach einem gelungenen „Knut-Fest“ mit Weihnachtsbaumverbrennung und viel Starköl wurden die Zierleisten links schlichtweg angeschraubt, weil das wohl der Klebstoff nicht mehr aushielt…

Haube auf: Der 2.5-Liter-Motor mit 144 PS ist bekannt dafür, dass man mit ihm jederzeit quer durch Nordeuropa fahren kann. Hier wurde er sogar frisch gewaschen, was wiederum meinen Missmut erregt. Ich suche nach Aufklebern … vor allem den einen, der mir die Antwort auf die bedeutende Frage geben könnte: „Wurde da einmal der Steuerriemen gewechselt?“. Ich werde nicht fündig. Statt Antworten hetzt der Händler mit der obligatorischen Startbox heran, um der toten Batterie wieder Leben einzuhauchen. Der 850 startet. Dümpelt aber stets im tiefen Drehzahlbereich herum und droht jederzeit wieder auszugehen. Unrund. Ich denke wieder an den Steuerriemen und auch an das fehlende Scheckheft, das wohl auf dem Meeresgrund zwischen Kattegat und Bosnischem Meerbusen seine letzte Ruhe fand.

Die Startbox legt mir der Händler zur Probefahrt vertrauensvoll auf den Beifahrersitz. Führerschein will er nicht sehen, mitfahren will er auch nicht – also gut. Ich fahre den dicken Lulatsch rückwärts vom Hof; meine Fahrt führt mich ins benachbarte Wiesloch. 193.301 Kilometer hat er schon gelebt, lese ich aus der Anzeigetafel. Das Automatikgetriebe zeigt sich willig, der Motor lässt sich die schwere Last des 850 nicht anmerken, macht aber schnell unmissverständlich klar, dass er von sportlichen Ambitionen nichts hält. Mein linkes Auge hat registriert, dass die „SRS“-Lampe brennt, statt auszugehen. Das kann ein Problem sein, muss es aber nicht unbedingt – vielleicht protestiert dieser elektronische Fehlerspeicher aus Schweden auf seine ganz persönliche Art gegen die Monarchie?

Während ich mit Tempo 70 gemütlich der Landstraße folge, fällt mir auf, dass das Lenkrad nicht ganz gerade steht. Spiel hat es dafür nicht. Ein paar Kickdowns später bin ich mir gewiss, dass das Getriebe in Ordnung zu sein scheint, nachdem ich vorher am Getriebeöl keine olfaktorischen Warnsignale feststellen konnte, denn: Riecht Getriebeöl verbrannt und ist schwarz, gilt Warnstufe rot. Das Fahrwerk ist „normal ausgelutscht“ – aber durchaus brauchbar.

Ich spiele mit den Fensterhebern, der Sitzheizung und der Klimaautomatik. Letztere ist zwar anwesend, aber funktionslos. „Muss man füllen“ wird der Händler später sagen und ich ihn darauf hinweisen, dass diese Baureihe mit Klimaverdampfern ausgestattet ist, die zwar in Nordeuropa lange leben, in südlicheren Breiten jedoch verbreitet und schnell die (Mehr-)Arbeit aus Protest einstellen. Die Neueinstellung eines solchen Mitarbeiters ist kostspielig. Kostspielig wie das Loch im Auspuff, das dem Volvo zwar einerseits einen kernigen Sound beschert, andererseits aber darauf hinweist, dass der TÜV das nicht mag und dass die Auspuffanlage des 850 auch auf dem privaten Teilemarkt ordentliche Löcher in den Geldbeutel reißt. Und wenn nun einmal an der Auspuffanlage geschweißt wurde, suchen sich die unter Druck stehenden Abgase schnell eine andere rostbefallene Stelle, um ihren Weg nach außen zu verkürzen. Der Blick auf den Unterboden zeigt keinerlei heftigen Rost, aber wenn sich Flugrost um Flugrost wickelt, wird es nun einmal irgendwann zu viel. 

Es regnet mittlerweile. Perfekt, um Hagelschäden zu erkennen – wie auch in diesem Fall. Nicht heftig, aber ausreichend. Eine Schönheit wird der 850 nicht mehr. 

Bei der ersten Umrundung des 850 Kombi fielen mir übrigens neue Bremsbeläge auf – die innenbelüfteten Scheiben allerdings erklären mir, dass sie, wie die Vorderreifen auch, nur noch ein Mittsommerfest erleben möchten. Ich verstehe das.

Im strömenden Regen fahre ich zurück auf den Hof. Zufällig wandert mein Blick beim zögerlichen Aussteigen zurück auf den Kilometerzähler. 193.301 Kilometer.

Ich war also gar nicht weg? War alles nur ein Traum? „Verkäufer war seriöse deutsche Familie, wir können anrufen“, will mich der Händler verzweifelt beruhigen. Interessant – der Tacho ging, der Kilometerzähler nicht. Das war neu für mich. Immerhin:Der Motor ist bei guter Pflege für 250 TKM plus gut.

Ich taste mich ein wenig um den Preis herum. „Mit TÜV 200 Euro mehr – wir haben viele Anfragen, Chef ist noch nicht da. Sie können Telefonnummer da lassen.“

Der Regen lässt wieder nach. Als ich vom Hof gehe, zwinkert mir der Volvo noch zu, als wolle er sagen: „Hey, eigentlich bin ich noch in Ordnung. Aber so sicher bin ich mir jetzt auch nicht mehr.“

Jürgen Brückmann

*Schwedisch für: Man soll die Katze nicht im Sack kaufen.